Die Schatten erheben sich

Prolog

Der Mond war lange schon untergegangen. Wolken hingen tief am Himmel und verdeckten die Sterne. Doch selbst in der tiefen Dunkelheit zeichnete sich etwas ab: Schwarz und gezackt durchzog es den Boden, ein Graben oder eine Schlucht vielleicht, an deren Rand sich hoch die Klippen auftürmten. Dort, wo sich wie ein Schlund das Ende des Grabens öffnete, stieg Rauch auf. Mit ihm kam ein Geruch, bitter und süß zugleich, und es war, als wollte sich das dürre Gras, das auf den Klippen wuchs, vor ihm in die Erde zurückziehen. Etwas lag dort unten.

Am Rand der Klippe stand aufrecht und hochgewachsen eine Frau, in einen dunklen Mantel gehüllt, die Hand gestützt auf einen Gehstock. Einen Moment schaute sie in die Tiefen des Grabens, unbeeindruckt von dem aufsteigenden Rauch. Dann hob sie den Blick und sah in die Ferne.

Es war unmöglich zu sagen, ob sie alt oder jung war. Ihr Haar war silbrig-grau und fiel über Schultern und Mantel. Sie wirkte müde und erschöpft, als käme sie von langer Reise. Ein kalter Wind kam auf, blies ihr durch die Kleider und wehte den aufsteigenden Rauch auseinander. Ein grimmiger Ausdruck trat in ihr Gesicht, entschlossen und ernst.

Mit einem Mal näherte sich ein schnelles Trampeln und mit ihm begann der Boden zu vibrieren, als bebte er unter dem Donnern von Hufen. Doch es kam kein Pferd, sondern ein dunkles Etwas, das nicht weit von der Frau entfernt zum Stehen kam. Seine Augen waren kaum auszumachen, nur zwei dunkelgrüne Punkte glommen durch die Dunkelheit, und es schnaubte vor Anstrengung. Von seinem Rücken schwang sich behände eine zweite Frau. Sie trug eine Rüstung aus dunklem Leder, und ihre Haare waren zu einem langen Zopf gebunden. Schnell trat sie neben die Frau an der Klippe und schaute in den Abgrund. Sie schnalzte mit der Zunge und wandte sich dann der Frau mit den grauen Haaren zu, die jetzt wieder müde und alt aussah.

»Ich habe einen weiteren zur Strecke gebracht. Einer aber ist nach Westen entkommen«, sagte sie, ihre Stimme schnell und eindringlich.

Die andere nickte. »Und einer nach Osten.«

Überrascht zog die Frau mit den dunklen Haaren eine Augenbraue hoch und wandte dann ihren Blick gen Osten. »Was will er dort?«, fragte sie.

Ein Funkeln glitt über die Augen der Frau mit den grauen Haaren, als sie die andere zum ersten Mal direkt ansah. »Nun, das werde ich wohl herausfinden müssen.«

Die Frau mit den dunklen Haaren nickte. »Dann nehme ich die Verfolgung nach Westen auf.« Es sah aus, als wollte sie sich direkt auf den Weg machen, aber sie hielt inne und sah sich um. »Wo ist …«, begann sie, doch die andere schnitt ihr das Wort ab.

»Ich habe ihn bereits zurück in die Stadt geschickt.« Ihre Stimme, die zuvor ruhig gewesen war, klang nun angespannt und ernster als zuvor. »Er wird nach dem Jungen sehen.«

Die andere schwieg, dann nickte sie und straffte sich.

»Erledigen wir das, so schnell es geht.«

Die alte Frau schüttelte den Kopf.

»Schnell?« Sie sah der anderen in die Augen und ihr Blick war ernst. »Schnell wird das nicht gehen. Das hier war nur ein kleiner Vorbote von dem, was kommen wird.« Sie sah hinauf zum Himmel und dann hinab in den Graben vor sich. »Eine neue Dunkelheit zieht auf.« Einen Moment schwieg sie, bevor sie weitersprach, ihre Stimme leise, aber fest: »Und die alten Kräfte schwinden.«

Die Frau mit den dunklen Haaren schnaubte und schaute erneut in den Graben hinab, bevor sie sich wieder der Alten zuwandte. »Sieht so aus, als hättet ihr noch einige Kräfte in euch übrig.«

Die Alte lächelte jetzt, und mit dem Lächeln kam der jugendliche Ausdruck zurück in ihr Gesicht.

»Vielleicht ein paar wenige«, antwortete sie. »Aber der kommende Kampf wird nicht mehr der meine sein. Neue Helden werden kommen.«

Die andere betrachtete die Alte eine Weile schweigend. Sie setzte an, um etwas zu sagen, aber sie blieb stumm. Stattdessen machte sie ein paar Schritte zu ihrem seltsamen Reittier und schwang sich in einer flüssigen Bewegung hinauf in den Sattel.

»Wenn es stimmt, was ihr sagt, dann kommen sie besser schnell«, sagte sie ernst. »Passt auf euch auf!« Mit diesen Worten gab sie ihrem Reittier die Sporen. Das Biest warf mit einem seltsamen Geräusch seinen Kopf zurück, und mit rasantem Tempo verschwand es in der Dunkelheit.

Die Alte sah ihnen nach. »Alles braucht seine Zeit«, sagte sie leise, »alles braucht seine Zeit.« Dann wandte sie sich um und machte sich leichten Schrittes auf den Weg Richtung Osten.