Stahl und Asche

Prolog

Es war das Ende eines klaren und schönen Tages im Herbst. Die Sonne warf ihre letzten Strahlen über die Hügel, und der Wind schüttelte die Äste des Apfelbaums. Die Blätter raschelten, fielen herab und wurden hinüber zur Schmiede geweht. Aber heute war die Esse kalt. Es war still, und nur aus der anliegenden Hütte war etwas zu hören: ein Schrei, laut, schmerzerfüllt.

Im Innern der Hütte war es dämmrig, denn die Fenster waren klein, und auch das Feuer im Kamin vertrieb die Dunkelheit nicht. Wieder gab es einen Schrei. Er kam aus einem der Zimmer, das an die Stube angrenzte. In ihm lag in einem Bett, auf ein Kissen gefüllt mit Stroh gestützt, eine Frau. Ihr schlichtes Leinenkleid war hochgeschoben und gab ihren prallen Bauch frei. Schweiß glänzte auf ihrer Stirn und ihr Atem ging gepresst und schmerzerfüllt.

Neben ihr am Bett saß ein Mann. Groß gewachsen, mit einem dunklen, dichten Bart, aber freundlichen Augen, mit denen er auf die Frau herabsah, halb voll von Vorfreude, halb sorgenvoll.

»Halgor«, sagte die Frau im Bett und sah ihn an. »Es tut so weh!«

Der Mann ergriff ihre Hand.

»Du schaffst das, Jonagrin!«, sagte er. »Du schaffst das!«

Die Frau sank erschöpft auf das Kissen zurück. Dann spannte sich ihr ganzer Körper und erneut schrie und bäumte sie sich auf.

»Zeit, nach draußen zu gehen«, sagte eine Stimme, und eine alte, gebeugte Frau trat vor. Ihre Stimme klang ruhig und freundlich. »Das Kind kommt bald.«

Halgor erhob sich zögernd und sah auf die Alte herab, die nun an Jonagrin herangetreten war. Es war die alte Biama, die Hebamme, die alle Kinder hier und in allen Dörfern der Gegend in die Welt holte.

»Soll ich nicht besser bleiben?«, fragte er nervös.

»Nein. Wenn ich Hilfe brauche, habe ich Evanna dabei.« Eine weitere Frau, fast noch ein Mädchen, trat hervor. »Hol das Wasser, und bring Halgor nach draußen«, sagte die Alte. Das Mädchen nickte.

»Komm«, sagte Evanna. Halgor küsste Jonagrin auf die Stirn, sah noch einmal in ihre dunklen Augen, und sie zwang sich zu einem Lächeln. »Geh schon«, sagte sie. Er nickte und folgte Evanna aus dem Zimmer.

»Warte einfach vor der Schmiede«, sagte Evanna, kaum dass sie in der Stube waren. »Ich hole dich, wenn das Kind da ist.«

Wenn das Kind da ist … Halgor spürte ein Glühen in sich aufsteigen. Ihr Kind – endlich! Er nickte, ging nach draußen und schloss die Tür hinter sich. Wie gerne wäre er bei Jonagrin geblieben, aber so war es nun mal: Nur die Frauen brachten die Kinder zur Welt, so war es gewesen, und so würde es wohl immer bleiben. Wieder hörte er Jonagrin schreien, und seine Hand schnellte schon zur Tür, aber er hielt sich zurück. Er würde nur stören, das wusste er. So drehte er sich um und ging in die Schmiede. Wind blies ihm ins Gesicht, mit einem Geruch, der den Geruch des kalten Schmiedefeuers überdeckte: der Geruch nach Regen und nach kommender Veränderung. In der Ferne sah er ein schwarzes Wolkenband aus Richtung des Morskogs heraufziehen, dunkel wie der Wald unter ihnen, über den man sich im Dorf üble Geschichten erzählte.

Halgor setzte sich unter das Schmiededach. Kurz überlegte er, ob er arbeiten sollte, doch wieder drang ein Schrei Jonagrins aus der Hütte, und sein Magen schnürte sich zusammen. War das normal? Wie bei allen Göttern sollte er das aushalten? Er schickte eine stumme Bitte an Skelvor, den Gott des Eisens. Mach, dass es schnell geht, dachte er. Mach, dass es gut geht. Mach, dass wir das wundervollste Kind der Welt bekommen. Dieser Gedanke erfüllte ihn erneut mit wilder Vorfreude. Bald ist es so weit!

Aber Skelvor erfüllte seine Bitte nicht. Es ging nicht schnell, und die Schreie wollten nicht enden. Stattdessen trieb der Wind die schweren Wolken heran, und mit ihm kamen, wie er geahnt hatte, Donner und Dunkelheit. Bald prasselte Regen laut auf das Dach. Halgor dachte an Jonagrin. Wie sehr er sie liebte! Wie wundervoll sie war. Er dachte an ihre erste Begegnung, dachte an seinen alten Schmiedemeister, vor dem sie sich verstecken mussten, dachte an ihren ersten Kuss.

Plötzlich schreckte er auf. War er eingeschlafen? Der Regen hatte aufgehört, auch das Gewitter war vorbei. Die dunklen Wolken waren weitergezogen, und zwischen ihren letzten Fetzen blinzelten vereinzelt blasse Sterne. Fern im Osten dämmerte der Morgen heran. Er rieb sich über das Gesicht. Das Gefühl wachsenden Unbehagens stieg in ihm auf. Etwas stimmte nicht – nur was? Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag. Es war still. Vollkommen still! Kein Geräusch kam mehr aus der Hütte, kein Schrei, nichts!

Halgor sprang auf und lief zur Tür hinüber. Er hatte sie noch nicht erreicht, da flog sie auf und Evanna trat heraus.

»Komm schnell!«, sagte sie aufgebracht, und das Entsetzen sprach aus ihren Augen.

Halgors Magen verkrampfte sich zu einem schmerzenden Klumpen. Er stürzte in die Hütte, durch die Stube, hin zu Jonagrins Lager. Eine kleine Laterne tauchte alles in geisterhaftes Licht. Fast schrie er vor Schreck.

Das Laken, die Tücher, eine Schüssel: Alles war voller Blut. Ein Geruch, der ihm den Atem stocken ließ, lag in der Luft. Halgor sank auf die Knie herab und tastete nach Jonagrins Hand.

»Jonagrin!«, flüsterte er.

Sein Blick sprang über ihr von Erschöpfung gezeichnetes Gesicht, ihren schweißnassen Körper und schließlich zu ihrem Bauch, der nun nicht mehr rund und prall, sondern eingefallen und blutverschmiert war. Dann sah er ihr in die Augen, nein, wollte ihr in die Augen sehen, aber ihre Lider waren geschwollen und geschlossen.

»Jonagrin!«, rief er jetzt. »Jonagrin!«

Mit zitternden Fingern strich er ihr das Haar aus dem bleichen Gesicht. Als er sie berührte, öffnete sie ihre Augen. Ihr Blick war leer und erschöpft.

»Halgor«, sagte sie mit heiserer Stimme und berührte mit schwachen Fingern sein Gesicht. Schnell griff er nach ihrer Hand, küsste sie, drückte sie an seine Wange.

»Halgor …« Jonagrins Stimme versagte. Für einen Moment schloss sie die Augen. Ihr Atem ging schwer und rasselte. Dann sah sie ihn wieder an. Ihr Blick leer, in eine weite Ferne gerichtet.

Halgor kam es vor, als versinke Jonagrin vor ihm im Bett. Er wollte etwas sagen, wollte sie halten, sie davor bewahren, zu versinken, vor dem bewahren, von dem er ahnte, dass es passieren würde. Verzweifelt küsste er ihre Hand. Hielt sie fest, so fest er konnte. Wollte sie bei sich halten.

Noch einmal schloss und öffnete Jonagrin die Augen.

»Ich kann nicht mehr, Halgor«, sagte sie, und aller Schmerz der Welt lag in ihrer Stimme. Sein Hals schnürte sich zu, aber er wusste, dass er nur noch wenige Augenblicke hatte, um etwas zu sagen.

»Ich liebe dich, Jonagrin!«, stieß er hervor und drückte sein Gesicht an ihre Schulter. »Ich liebe dich!«

Er spürte, wie Jonagrin ihm mit ihrer Hand über das Haar strich.

»Ich liebe dich auch«, sagte sie mit milder Stimme. »Ich liebe dich für immer.«

Sie wollte etwas sagen, doch fehlte ihr die Kraft. Erst als sie sich einen Moment gesammelt hatte, konnte sie wieder sprechen: »Schau einmal unser Kind an, Halgor. Es ist so wunderschön!«

Dann tat sie einen langen und tiefen Seufzer. Halgor wurde schwindelig. Er wollte schreien, aber ihm war, als wäre sein Mund versiegelt. Er starrte auf Jonagrin, sah sie an, wartete darauf, dass sie ihren nächsten Atemzug machen würde, aber gleichzeitig wusste er, dass dies nicht mehr geschehen würde – nie mehr geschehen würde! Der Glanz in ihren Augen, der Zauber in ihrem Gesicht, sie waren verschwunden, und sie starrte an ihm vorbei, in die ewige Dunkelheit. Dann, wie von weit her, drangen Jonagrins letzte Worte in sein Bewusstsein. »Schau einmal unser Kind an, Halgor.«

Mit einem Mal wurde ihm die ohrenbetäubende Stille bewusst. Am ganzen Körper zitternd drehte er sich zu Biama. Sein Blick fiel auf das Bündel, das sie in der Hand hielt: ein kleiner Körper, in ein Tuch eingewickelt. Still und reglos.

»Nicht, Halgor«, sagte Evanna mit brüchiger Stimme.

Aber Biama sah zu Evanna, schüttelte den Kopf, sah zu Halgor und legte ihm mit leisem Seufzer das Bündel in die Arme.

Behutsam schob Halgor die Tücher ein wenig zur Seite. Das Gesicht des in seinen Armen liegenden Babys, seines Kindes, war rund und wirkte im Kontrast zur Situation ruhig und zufrieden. Doch das Kind regte sich nicht und bewegte sich nicht. Die kleinen Lippen hatten eine dunkelblaue Farbe angenommen.

Halgor hob den Blick und sah aus dem Fenster. Er hatte alles verloren. Alles! Den Augenblick nach der Geburt – er hatte ihn gar nicht erwarten können! Jetzt aber stand er da und spürte den Tod. Spürte ihn, als stünde er direkt neben ihm. Hol auch mich!, dachte er verzweifelt. Wieso holst du nicht auch mich, wenn du mir alles nimmst?

Draußen war es fast hell geworden. Die letzten Wolken zergingen. Die Sonne war kurz davor, über den Horizont zu steigen. Doch welchen Unterschied machte das jetzt noch? Irgendwo in der Ferne krähte ein Hahn.

Und dann, ganz plötzlich, begann das kleine Bündel in seinem Arm, sich zu bewegen, erst ein wenig, dann stärker, und unter dem Stoff begannen kleine Hände und Füße zu strampeln, langsam erst, doch dann immer kräftiger. Es gab ein unterdrücktes, unzufriedenes Glucksen, als kämpfe sich jemand hinauf an die Wasseroberfläche. Und dann brach ein Schrei aus dem Bündel hervor. Ein Schrei, als schrie das Leben selbst, und es war der lauteste Schrei, den Halgor je gehört hatte. Mit zitternden Händen und doch so schnell er konnte, zog er die Laken weiter auseinander und blickte voller Verwunderung in das kleine Gesicht, das jetzt rot und erhitzt war, sah einen aufgerissenen Mund und zugekniffene Augen. Wie konnte das sein? Wie war das möglich?

Die Tränen schossen ihm in die Augen, und er begann zu weinen, aber noch während ihm die Tränen über die Wangen liefen und er in die Augen des Babys blickte – seines Babys –, kehrten die Lebensgeister in ihn zurück. Er schaute sich um und schaute in die überraschten Gesichter von Biama und Evanna. Biama trat auf ihn zu und beäugte das Baby mit kritischem Blick. »Wie bei allen Göttern ist das …«, sie streckte die Hände aus, um Halgor das Kind aus den Armen zu nehmen. »Lass mich einen kurzen Blick …«

Halgor machte einen Schritt rückwärts und zog das Kind an sich. Für nichts in der Welt würde er es jemals wieder hergeben. Niemals! Für nichts!

»Nein!«, sagte er laut und streng. Dann aber sammelte er sich, und ihm wurde klar, dass er Biama Unrecht tat. »Nein«, sagte er, diesmal freundlicher.

Er wandte den Blick zu dem Kind hinab, das immer noch schrie und weinte, und er begann, es hin- und herzuwiegen. Er sah zu Jonagrin. Sein Herz zog sich zusammen, aber zugleich spürte er den zerbrechlichen Körper in seinen Armen, spürte, fühlte, ja, roch sein Kind, das sich bewegte und dann zur Ruhe kam, sich an ihn schmiegte. Es war so weich!

»Kinder sollen nicht ohne Namen auf der Welt sein«, sagte Evanna mit einem Mal nervös.

Halgor blickte auf.

»Was?«

»Es bringt Unglück, wenn ein Kind keinen Namen hat. Du musst ihr einen Namen geben!«

Halgor nickte und sah wieder zu dem Kind. Ihr? War es ein Mädchen? Sein Herz machte einen Sprung. Wie sollte sie heißen?

»Sie braucht einen Namen, Halgor. Wie soll sie heißen?«

Jetzt weiteRlesen!