Wenn wir an Fantasyklassiker denken, dann fallen uns dabei sicher J. R. R. Tolkien, C. S. Lewis oder vielleicht auch Robert E. Howard ein, die zur ersten Generation von Fantasyautoren zählen und alle das Genre geprägt haben: Tolkien mit seiner High-Fantasy, Howard mit seiner Low-Fantasy (Sword and Sorcery) und Lewis mit seiner Portal-Fantasy. Sie alle haben ihren je spezifischen Beitrag geleistet und werden bis heute – wenn auch sicher nicht immer bewusst – von etlichen Fantasy-Autor:innen zitiert.
Wenn Fantasyklassiker fast vergessen werden: Susan Cooper und die Magie der 70er
Daneben gibt es aber eine ganze Reihe von Fantasy-Autor:innen, die heute an Bekanntheit stark eingebüßt haben, obwohl sie – wenn sie auch nicht unbedingt zur ersten Generation der Fantasy gehörten – das Genre stark geprägt haben. Vielleicht nicht immer durch einen hohen kulturellen, aber dann doch durch einen literarischen Einfluss. Eine davon möchte ich hier einmal vorstellen: Susan Cooper mit ihrer Jugendbuchreihe „The Dark Is Rising“, die auf Deutsch unter dem Titel „Wintersonnenwende“ veröffentlicht wurde.
Die Reihe erschien zwischen 1965 und 1977 in Großbritannien, und während sie dort bis heute einen gewissen Kultstatus besitzt, ist sie hierzulande nahezu vergessen – ihre Bücher sind nur noch antiquarisch zu erwerben. Das ist eigentlich sehr schade, denn Susan Cooper nahm mit ihrer Reihe eine Form der Fantasy vorweg, die später für die Urban Fantasy typisch wurde. Sie erzählte vom epischen, die Zeit überdauernden Kampf zwischen Gut und Böse und griff dabei eine Idee auf, die bis dahin kaum jemand so konsequent umgesetzt hatte: Es gibt eine verborgene Welt in der unseren, und obwohl sie den meisten gänzlich fremd ist, ist sie der realen gegenüber sogar wichtiger als diese. Ihr Fantasyzyklus gilt unter Fachleuten als einer der bedeutendsten Fantasyzyklen dieser Zeit.
1. Wer ist Susan Cooper?
Susan Cooper, geboren 1935 in England, ist eine britische Schriftstellerin, die in Oxford Englisch studierte. Cooper hat ein sehr vielseitiges Werk geschaffen, das Drehbücher, Romane, Kinderbücher und Bühnenstücke umfasst. Nach dem Studium arbeitete sie zunächst als Journalistin, heiratete dann aber einen Amerikaner und zog 1963 nach Connecticut/USA. Ihr größter Erfolg ist aber bis heute ihre Fantasy-Serie „
The Dark Is Rising“ Für einzelne Bücher der Reihe erhielt sie bedeutsame Preise wie die Newbery Medal oder den Wilhelm-Hauff-Preis. Und 2013 erhielt sie die wohl größte Auszeichnung, die ein:e Fantasyautor:in erhalten kann: den
World Fantasy Award for Life Achievement.
2. The Dark Is Rising / Wintersonnenwende
Die Fantasyreihe „The Dark Is Rising Sequence“ umfasst fünf Romane. Sie richtet sich ursprünglich an ältere Kinder und Jugendliche. Im Zentrum der Bücher steht ein uralter Konflikt zwischen zwei kosmischen Kräften: dem Licht („The Light“) und der Finsternis („The Dark“) – ein Kampf um die Zukunft der Menschheit. Die Geschichte verbindet moderne Schauplätze mit Elementen der Artus-Sage, keltischer und nordischer Mythologie sowie englischer Volksüberlieferung.
2.1 Zusammenfassung (Achtung Spoiler!)
Die Reihe beginnt mit dem Roman „Over Sea, Under Stone“ (dt. „Bevor die Flut kommt“), in dem die Geschwister Simon, Jane und Barney Drew während eines Urlaubs in Cornwall in die Suche nach einem magischen Artefakt geraten: einer Version des Grals aus der Artus-Legende. Ursprünglich war dieses Buch als eigenständiger Roman geplant.
Erst mit dem zweiten Band, The Dark Is Rising (dt. Wintersonnenwende), nimmt die Serie ihre eigentliche Form an. Hier steht der elfjährige Will Stanton im Mittelpunkt, der an seinem Geburtstag erfährt, dass er einer der sogenannten „Old Ones“ ist – uralte Wesen, die im Dienst des Lichts stehen. Will muss sechs magische Zeichen finden, die zusammen eine zentrale Waffe gegen die Mächte der Finsternis bilden.
Im Verlauf der weiteren Bücher – Greenwitch, The Grey King (dt. „Der Graue König“) und Silver on the Tree (dt. „Die Mächte des Lichts“) – verbinden sich die verschiedenen Handlungsstränge. Mehrere junge Figuren und die unsterblichen „Old Ones“ arbeiten zusammen, um verschiedene Artefakte der Macht zu finden, darunter den Gral, eine magische Harfe und ein kristallenes Schwert. Diese Gegenstände werden schließlich im entscheidenden Kampf zwischen Licht und Finsternis benötigt.
2.2 Zentrale Motive der Reihe
Zu den wichtigsten Figuren gehört der geheimnisvolle Merriman Lyon, ein sehr alter „Old One“, der zugleich eine Verbindung zur Figur des Merlin hat. Damit verband Cooper die Erzählung mit der Artus-Überlieferung. Neben der Artus-Legende greifen die Romane zahlreiche weitere mythologisch aufgeladene Motive auf, etwa magische Artefakte und Prophezeiungen, eine uralte Sprache der Magie („Old Speech“) und alte britische Landschaften. Ein wiederkehrendes Element sind kurze prophetische Gedichte, die den Figuren Hinweise auf ihren nächsten Schritt geben.
2.3 Bedeutung der Reihe
Besonders die Bände „The Dark Is Rising“ und „The Grey King“ gelten als Höhepunkte der Serie. The Grey King wurde sogar mit der Newbery Medal ausgezeichnet, einem der wichtigsten Literaturpreise für Kinderbücher in den USA.
Heute wird die Reihe oft als eine der bedeutendsten Fantasyserien für junge Leser der 1970er Jahre betrachtet. Sie zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie alte Mythen und Legenden mit einer modernen Gegenwart verbindet und eine epische Geschichte über mehrere Perspektiven hinweg erzählt.
In England besitzt sie eine anhaltende Fangemeinschaft, die insbesondere in den Wintertagen um die Wintersonnenwende die Romane liest. 2022 produzierte die BBC eine Podcastreihe, die in dieser Zeit ausgestrahlt wurde. Eine Verfilmung von 2007 war dagegen ein ziemlicher Reinfall und erhielt gerade im Kontrast zu den Qualitäten der Romanvorlage sehr schlechte Kritiken.
3. Was die Reihe zum Fantasyklassiker macht
Nach Harry Potter ist das vielleicht heute ein alter Hut, aber in den 70er Jahren war es das nicht: Susan Coopers Reihe zeichnet sich durch einige sehr originelle Ideen aus, die ihr Werk so herausheben. Als Erstes wäre zu nennen, dass unter anderem sie es war, die jene Form der Fantasy vorbereitete, die später für die Urban Fantasy typisch wurde. Eine verborgene Welt in der unseren, in der die Kräfte des Bösen gegen die Kräfte des Lichts kämpfen – heute vielleicht nicht viel mehr als ein beliebter Trope, damals jedenfalls etwas Neues.
Das Zweite, was zu nennen wäre, wäre die gute Umsetzung der unterschiedlichen Erzählperspektiven. Diese wechseln zu Beginn nicht im Roman, sondern nur über die Bände hinweg: Während der erste Band die Geschichte von Simon, Jane und Barnabas Drew erzählt, wechselt die Perspektive im zweiten Band zu Will Stanton. Erst im weiteren Verlauf der Reihe lernen sie sich kennen. Die Idee, eine Romanreihe so aufzubauen, ist bis heute selten geblieben.
Cooper entschied sich zudem für eine ruhige und langsame Erzählweise. Der Kampf der Kräfte des Lichts gegen die Kräfte des Bösen ist keine epische Schlacht und kein großes Spektakel, sondern zeigt sich mehr in Handlungen aus Mut und Überzeugung.
Zuletzt wäre noch die außergewöhnliche Atmosphäre zu nennen, die Cooper erschafft. Teile der Reihe, insbesondere der zweite Band, lesen sich fast wie eine Sage, obwohl sie in der Gegenwart der 70er Jahre spielen. Cooper schafft es, eine Erzählform, die eigentlich der Vergangenheit zugeordnet wird, in die Gegenwart zu heben, ohne dass das Ganze gezwungen wirkt.
Und nicht nur das: Auch die Winterstimmung, die sie lebendig werden lässt, besitzt eine große Anziehungskraft. Der Winter – besonders der Dezember – ist bis heute mit einem kulturellen Bild aufgeladen, das sich in der Wirklichkeit kaum noch erleben lässt. In Coopers Reihe finden wir es auf eine sehr schöne Weise archiviert.
Vor allem die ersten beiden Punkte lassen den Zyklus bis heute modern wirken – alle drei begründen Susan Coopers Ruf als eine der einflussreichsten Fantasy-Autorinnen der 60er und 70er Jahre – einer Zeit im Übrigen, in der Fantasyautorinnen insgesamt noch einen schweren Stand hatten.
4. Wintersonnenwende: The Dark Is Rising im Deutschen
Die Romane wurden zum ersten Mal Mitte der 80er Jahre ins Deutsche übersetzt und vom Ravensburger Verlag herausgegeben. Die letzte Neuauflage im cbt-Verlag erfolgte Anfang der 2000er. Wenngleich auch in Deutschland eine kleine Fangemeinde besteht, führt die Reihe doch eher ein Schattendasein. Wäre die Verfilmung nicht so ein Flop gewesen, hätte sich sicherlich ein Verlag um eine Neuauflage bemüht.
So muss man, wenn man die Bücher nicht im Original lesen will, auf den antiquarischen Erwerb zurückgreifen. Hier sei auf die Ravensburger Ausgabe verwiesen, die in den 80ern als Kartonschuber mit allen Büchern der Reihe herausgegeben wurde und bis heute die schönste Aufmachung der deutschen Ausgabe darstellt.
Wer Fantasy-Reihen mit unterschiedlichen Erzählperspektiven schätzt, der kann auch mal in meine eigene Reihe „Der Untergang Ijarias“ reinschauen. Hier geht es zur Leseprobe!
