Autor: Malte

  • Vergessene Fantasyklassiker, die das Genre geprägt haben

    Vergessene Fantasyklassiker, die das Genre geprägt haben

    Wenn wir an Fantasyklassiker denken, dann fallen uns dabei sicher J. R. R. Tolkien, C. S. Lewis oder vielleicht auch Robert E. Howard ein, die zur ersten Generation von Fantasyautoren zählen und alle das Genre geprägt haben: Tolkien mit seiner High-Fantasy, Howard mit seiner Low-Fantasy (Sword and Sorcery) und Lewis mit seiner Portal-Fantasy. Sie alle haben ihren je spezifischen Beitrag geleistet und werden bis heute – wenn auch sicher nicht immer bewusst – von etlichen Fantasy-Autor:innen zitiert.

    Wenn Fantasyklassiker fast vergessen werden: Susan Cooper und die Magie der 70er

    Daneben gibt es aber eine ganze Reihe von Fantasy-Autor:innen, die heute an Bekanntheit stark eingebüßt haben, obwohl sie – wenn sie auch nicht unbedingt zur ersten Generation der Fantasy gehörten – das Genre stark geprägt haben. Vielleicht nicht immer durch einen hohen kulturellen, aber dann doch durch einen literarischen Einfluss. Eine davon möchte ich hier einmal vorstellen: Susan Cooper mit ihrer Jugendbuchreihe „The Dark Is Rising“, die auf Deutsch unter dem Titel „Wintersonnenwende“ veröffentlicht wurde.

    Die Reihe erschien zwischen 1965 und 1977 in Großbritannien, und während sie dort bis heute einen gewissen Kultstatus besitzt, ist sie hierzulande nahezu vergessen – ihre Bücher sind nur noch antiquarisch zu erwerben. Das ist eigentlich sehr schade, denn Susan Cooper nahm mit ihrer Reihe eine Form der Fantasy vorweg, die später für die Urban Fantasy typisch wurde. Sie erzählte vom epischen, die Zeit überdauernden Kampf zwischen Gut und Böse und griff dabei eine Idee auf, die bis dahin kaum jemand so konsequent umgesetzt hatte: Es gibt eine verborgene Welt in der unseren, und obwohl sie den meisten gänzlich fremd ist, ist sie der realen gegenüber sogar wichtiger als diese. Ihr Fantasyzyklus gilt unter Fachleuten als einer der bedeutendsten Fantasyzyklen dieser Zeit.


    1. Wer ist Susan Cooper?


    Susan Cooper, geboren 1935 in England, ist eine britische Schriftstellerin, die in Oxford Englisch studierte. Cooper hat ein sehr vielseitiges Werk geschaffen, das Drehbücher, Romane, Kinderbücher und Bühnenstücke umfasst. Nach dem Studium arbeitete sie zunächst als Journalistin, heiratete dann aber einen Amerikaner und zog 1963 nach Connecticut/USA. Ihr größter Erfolg ist aber bis heute ihre Fantasy-Serie „
    The Dark Is Rising“ Für einzelne Bücher der Reihe erhielt sie bedeutsame Preise wie die Newbery Medal oder den Wilhelm-Hauff-Preis. Und 2013 erhielt sie die wohl größte Auszeichnung, die ein:e Fantasyautor:in erhalten kann: den
    World Fantasy Award for Life Achievement.


    2. The Dark Is Rising / Wintersonnenwende


    Die Fantasyreihe „The Dark Is Rising Sequence“ umfasst fünf Romane. Sie richtet sich ursprünglich an ältere Kinder und Jugendliche. Im Zentrum der Bücher steht ein uralter Konflikt zwischen zwei kosmischen Kräften: dem Licht („The Light“) und der Finsternis („The Dark“) – ein Kampf um die Zukunft der Menschheit. Die Geschichte verbindet moderne Schauplätze mit Elementen der Artus-Sage, keltischer und nordischer Mythologie sowie englischer Volksüberlieferung.


    2.1 Zusammenfassung (Achtung Spoiler!)

    Die Reihe beginnt mit dem Roman „Over Sea, Under Stone“ (dt. „Bevor die Flut kommt), in dem die Geschwister Simon, Jane und Barney Drew während eines Urlaubs in Cornwall in die Suche nach einem magischen Artefakt geraten: einer Version des Grals aus der Artus-Legende. Ursprünglich war dieses Buch als eigenständiger Roman geplant.

    Erst mit dem zweiten Band, The Dark Is Rising (dt. Wintersonnenwende), nimmt die Serie ihre eigentliche Form an. Hier steht der elfjährige Will Stanton im Mittelpunkt, der an seinem Geburtstag erfährt, dass er einer der sogenannten „Old Ones“ ist – uralte Wesen, die im Dienst des Lichts stehen. Will muss sechs magische Zeichen finden, die zusammen eine zentrale Waffe gegen die Mächte der Finsternis bilden.

    Im Verlauf der weiteren Bücher – Greenwitch, The Grey King (dt. „Der Graue König“) und Silver on the Tree (dt. „Die Mächte des Lichts“) – verbinden sich die verschiedenen Handlungsstränge. Mehrere junge Figuren und die unsterblichen „Old Ones“ arbeiten zusammen, um verschiedene Artefakte der Macht zu finden, darunter den Gral, eine magische Harfe und ein kristallenes Schwert. Diese Gegenstände werden schließlich im entscheidenden Kampf zwischen Licht und Finsternis benötigt.


    2.2 Zentrale Motive der Reihe


    Zu den wichtigsten Figuren gehört der geheimnisvolle Merriman Lyon, ein sehr alter „Old One“, der zugleich eine Verbindung zur Figur des Merlin hat. Damit verband Cooper die Erzählung mit der Artus-Überlieferung. Neben der Artus-Legende greifen die Romane zahlreiche weitere mythologisch aufgeladene Motive auf, etwa magische Artefakte und Prophezeiungen, eine uralte Sprache der Magie („Old Speech“) und alte britische Landschaften. Ein wiederkehrendes Element sind kurze prophetische Gedichte, die den Figuren Hinweise auf ihren nächsten Schritt geben.


    2.3 Bedeutung der Reihe

    Besonders die Bände „The Dark Is Rising“ und „The Grey King“ gelten als Höhepunkte der Serie. The Grey King wurde sogar mit der Newbery Medal ausgezeichnet, einem der wichtigsten Literaturpreise für Kinderbücher in den USA.

    Heute wird die Reihe oft als eine der bedeutendsten Fantasyserien für junge Leser der 1970er Jahre betrachtet. Sie zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie alte Mythen und Legenden mit einer modernen Gegenwart verbindet und eine epische Geschichte über mehrere Perspektiven hinweg erzählt.

    In England besitzt sie eine anhaltende Fangemeinschaft, die insbesondere in den Wintertagen um die Wintersonnenwende die Romane liest. 2022 produzierte die BBC eine Podcastreihe, die in dieser Zeit ausgestrahlt wurde. Eine Verfilmung von 2007 war dagegen ein ziemlicher Reinfall und erhielt gerade im Kontrast zu den Qualitäten der Romanvorlage sehr schlechte Kritiken.


    3. Was die Reihe zum Fantasyklassiker macht

    Nach Harry Potter ist das vielleicht heute ein alter Hut, aber in den 70er Jahren war es das nicht: Susan Coopers Reihe zeichnet sich durch einige sehr originelle Ideen aus, die ihr Werk so herausheben. Als Erstes wäre zu nennen, dass unter anderem sie es war, die jene Form der Fantasy vorbereitete, die später für die Urban Fantasy typisch wurde. Eine verborgene Welt in der unseren, in der die Kräfte des Bösen gegen die Kräfte des Lichts kämpfen – heute vielleicht nicht viel mehr als ein beliebter Trope, damals jedenfalls etwas Neues.

    Das Zweite, was zu nennen wäre, wäre die gute Umsetzung der unterschiedlichen Erzählperspektiven. Diese wechseln zu Beginn nicht im Roman, sondern nur über die Bände hinweg: Während der erste Band die Geschichte von Simon, Jane und Barnabas Drew erzählt, wechselt die Perspektive im zweiten Band zu Will Stanton. Erst im weiteren Verlauf der Reihe lernen sie sich kennen. Die Idee, eine Romanreihe so aufzubauen, ist bis heute selten geblieben.

    Cooper entschied sich zudem für eine ruhige und langsame Erzählweise. Der Kampf der Kräfte des Lichts gegen die Kräfte des Bösen ist keine epische Schlacht und kein großes Spektakel, sondern zeigt sich mehr in Handlungen aus Mut und Überzeugung.

    Zuletzt wäre noch die außergewöhnliche Atmosphäre zu nennen, die Cooper erschafft. Teile der Reihe, insbesondere der zweite Band, lesen sich fast wie eine Sage, obwohl sie in der Gegenwart der 70er Jahre spielen. Cooper schafft es, eine Erzählform, die eigentlich der Vergangenheit zugeordnet wird, in die Gegenwart zu heben, ohne dass das Ganze gezwungen wirkt.

    Und nicht nur das: Auch die Winterstimmung, die sie lebendig werden lässt, besitzt eine große Anziehungskraft. Der Winter – besonders der Dezember – ist bis heute mit einem kulturellen Bild aufgeladen, das sich in der Wirklichkeit kaum noch erleben lässt. In Coopers Reihe finden wir es auf eine sehr schöne Weise archiviert.

    Vor allem die ersten beiden Punkte lassen den Zyklus bis heute modern wirken – alle drei begründen Susan Coopers Ruf als eine der einflussreichsten Fantasy-Autorinnen der 60er und 70er Jahre – einer Zeit im Übrigen, in der Fantasyautorinnen insgesamt noch einen schweren Stand hatten.


    4. Wintersonnenwende: The Dark Is Rising im Deutschen

    Die Romane wurden zum ersten Mal Mitte der 80er Jahre ins Deutsche übersetzt und vom Ravensburger Verlag herausgegeben. Die letzte Neuauflage im cbt-Verlag erfolgte Anfang der 2000er. Wenngleich auch in Deutschland eine kleine Fangemeinde besteht, führt die Reihe doch eher ein Schattendasein. Wäre die Verfilmung nicht so ein Flop gewesen, hätte sich sicherlich ein Verlag um eine Neuauflage bemüht.

    So muss man, wenn man die Bücher nicht im Original lesen will, auf den antiquarischen Erwerb zurückgreifen. Hier sei auf die Ravensburger Ausgabe verwiesen, die in den 80ern als Kartonschuber mit allen Büchern der Reihe herausgegeben wurde und bis heute die schönste Aufmachung der deutschen Ausgabe darstellt.

  • 3 Dinge, die Fantasy von Tolkien lernen kann

    3 Dinge, die Fantasy von Tolkien lernen kann

    Es hat sich bis heute nichts geändert: Fantasy-Leser:innen und Autor:innen kommen an J. R. R. Tolkien kaum vorbei, zumindest dann nicht, wenn man sich ernsthaft für das Genre Fantasy interessiert. Auch Jahrzehnte nach der Veröffentlichung von Der Hobbit und Der Herr der Ringe und dem später durch seinen Sohn Christopher Tolkien herausgegebenen Werke wie Das Silmarillion fasziniert seine Arbeit noch durch die Tiefe von Welt, Figuren und Erzählkunst. Tolkien hat nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern eine ganze Kultur und Mythologie erschaffen, die bis heute Standards für Fantasy setzt.

    Moderne Fantasy-Bücher greifen oft – und vielleicht manchmal auch ganz unbeabsichtigt – auf Tolkiens Werk zurück. In gewisser Weise könnte man sagen: Fast alle Fantasy spielt auf die ein oder andere Weise implizit in Mittelerde. Zugleich lässt sich aber auch etwas anderes feststellen: Wesentliche Aspekte, die dazu beitrugen, dass Tolkien ein solch epochales Werk verfassen konnte, werden gerade nicht berücksichtigt. Vielmehr wird sich hier den Anforderungen des Buchmarktes unterworfen, welcher sich an populären Tropes und Fashions orientiert. Geschrieben wird, was sich verkauft, und verkaufen lässt sich, was unmittelbar unterhält, am besten schon, bevor man das Buch überhaupt aufgeschlagen hat – durch Umschlagsgestaltung und Farbschnitt.

    Mehr über Eskapismus in der Fantasy habe ich hier in meinem Essay erläutert.

    Das ist aber nicht nur Gewinn, sondern auch Verlust: Fantasy-Literatur verwandelt sich in Fast-Fashion, die es nicht mehr schafft, die Tiefe zu erreichen, wie sie etwa bei Tolkien zu finden ist: Für ihn war Fantasy jedenfalls immer mehr als Unterhaltung. Ein guter Grund also, sich einmal ein paar Aspekte anzuschauen, die sich vom Altmeister der Fantasy lernen lassen.

    1. Eine lebendige Welt erschaffen

    Bei Tolkien sehen wir, dass eine überzeugende Fantasy nicht nur aus Tropes, spannender Handlung und Konflikten besteht, sondern vor allem aus einem Ort, der eigenständig lebt. Mittelerde ist nicht bloß Kulisse; es ist ein komplexes System aus Geschichte, Sprache, Geographie und Mythologie. Jede Region hat ihre eigenen Sitten, ihre Erzählungen, ihre ökonomischen und sozialen Strukturen. Diese Detailtreue führt dazu, dass die Welt organisch wirkt, oder vielmehr: dass sie es vielleicht sogar ist.

    Moderne Fantasy greift oft zu oberflächlichen Exotismen: fremde Namen, besondere Rassen, exotische Landschaften. Doch ohne kohärente innere Logik bleiben sie Kulissen, die leicht austauschbar sind. Sie beziehen ihre Substanz nicht selten daher, dass jemand anderes die Vertiefung der Welt schon vorgenommen hat. Man lässt Elben, Orks, Zwerge und Trolle auftreten (manchmal mit anderen Namen oder in abgewandelter Form, die aber auch nur deswegen funktioniert, weil sie sich vom Original abgrenzen), und der/die Leser:innen geben sich damit zufrieden, weil sie von sich aus das dazugeben, was dem Text fehlt. Das lässt die Welten blutleer erscheinen, und sie werden vergessen, kaum, dass man das nächste Buch angefangen hat.

    An Tolkiens Werk sehen wir, dass Tiefe Zeit, Geduld und ein Bewusstsein für die kulturellen Kräfte erfordert, die eine Welt formen. Die Leser:innen treten so nicht nur in eine andere Landschaft ein, sondern in ein eigenständiges gesellschaftliches und historisches Gefüge, das atmet und Konflikte auf natürliche Weise erzeugt. Das Besondere bei ihm ist zudem, dass er Mittelerde unter anderem deswegen erfand, um einer von ihm erfundenen Sprache ein Fundament zu geben: „Das Erfinden von Sprachen ist das Fundament. Die ‚Geschichten‘ wurden eher so angelegt, dass sie eine Welt für die Sprachen abgaben, als umgekehrt.“ Was wir daraus ziehen können: Wer eine Welt will, in die man abtauchen kann, in der man das Gefühl hat, dass es weitergeht, egal in welche Richtung man sich wendet, der muss diese Welt entwerfen, und zwar in einem Umfang, der größer ist als das, was den Helden des Romans gerade so vor die Füße fällt.


    2. Figuren, die sich entwickeln

    Ein zweiter Aspekt, den Tolkien meisterhaft beherrscht, ist die Figurenentwicklung. Charaktere wie Frodo, Aragorn oder Sam sind nicht bloß Helden nach Archetypen, sondern Menschen in Wechselwirkung mit ihrer Umwelt und Geschichte. Sie werden durch ihre Erfahrungen transformiert, und zwar auf eine Weise, die ihnen selbst nicht schon vor Augen steht, wenn sie beginnen, sich auf ihre Reise zu machen. Besonders deutlich wird dies bei einer Figur wie Frodo: Frodo ist ein gewöhnlicher Hobbit. Er hat Freude an schlichten Dingen, lebt ein einfaches Leben. Und er will dieses Leben auch so weiterleben. Seine Reise tritt er unfreiwillig an, und er muss erst wachsen, bis er sich zum Letzten entscheidet. Zudem würde er scheitern, wenn er nicht seinen treuen Begleiter Sam hätte. Am Ende schafft er es, seinen Auftrag zu erfüllen, aber er ist gezeichnet – die Rückkehr in sein altes Leben ist ihm versperrt, auch wenn er sich danach sehnt. Das ist eine Geschichte, bei der wir nicht nur begeistert zuschauen, um zu erfahren, welche Großtat als Nächstes vollbracht wird. Wir nehmen an Frodos Leben Anteil, wir sehen, wie er wächst und kämpft, sehen, was es ihm abverlangt.

    Moderne Fantasy neigt dazu, Figuren nach klaren Erfolgs- oder Beliebtheitsmetriken zu formen, die sich in den sogenannten Tropes ausdrücken. Ja, auch Frodo und Co. lassen sich in Kategorien wie „the chosen one“, „reluctant hero“ und so weiter bringen. Aber sie sind nicht einfach nach einem solchen Trope angelegt, sondern sie entwickeln sich, und zwar dadurch, wie sie auf ihre Umwelt treffen und reagieren. Diese geduldige, innere Entwicklung erlaubt es Leser:innen, tiefere Einsichten in Motive, Verantwortung und moralische Dilemmata zu gewinnen.


    3. Geduld beim Erzählen

    Vielleicht der wichtigste, aber oft unterschätzte Aspekt ist Tolkiens Geduld beim Erzählen. Die narrative Struktur von Der Herr der Ringe ist weitläufig, durchzogen von Nebenhandlungen, detaillierten Landschaftsbeschreibungen und kulturellen Einblicken. In einer Zeit, in der Geschwindigkeit und sofortige Befriedigung den Literaturmarkt dominieren, erscheint Tolkiens Ansatz schon fast veraltet, denn: Spannung wird nicht durch ständige Action erzeugt, sondern durch Erwartung, Aufbau und die sorgfältige Entfaltung der Welt. Und gerade das macht, bei allen fantastischen Elementen, den Rückbezug zur realen Welt aus: Geschichte, Handlung und Konflikt benötigen Zeit, um Bedeutung zu entfalten. Die Dinge passieren nicht einfach so, sondern sie haben einen Grund, einen Rahmen, einen Kontext.

    Für den Roman gilt: Je epischer sich ein Konflikt am Ende ausgestalten soll, desto umfangreicher muss sein Kontext sein. Denn gerade dadurch erkennen wir, was alles auf dem Spiel steht. Wir machen eine Erfahrung daran, welche Dimension Konflikte haben, nicht nur in der Romanwelt, sondern überhaupt. Demgegenüber sind uns Sachen, die wir nicht kennen, in der Regel egal. Wir kennen Sachen nicht, über die wir nichts wissen, und wenn Romane uns keine oder nur nebensächliche Informationen darüber geben, was das für eine Welt ist, in der die Handlung sich abspielt, dann wird uns das auch immer gleichgültig sein, was mit dieser Welt passiert.


    Fazit / Übertragung auf moderne Fantasy

    Die Lektionen Tolkiens sind klar: Eine glaubwürdige Welt, sich entwickelnde Figuren und erzählerische Geduld machen Fantasy zu mehr als bloßer Unterhaltung. Sie verwandeln sie in eine Kunstform, die Leser:innen in eine andere Realität eintauchen lässt, während sie gleichzeitig Reflexion über unsere eigene Welt anregt.

    Moderne Fantasy, die sich auf Trends und schnelle Befriedigung verlässt, kann dies nicht leisten. Indem Autor:innen und Leser:innen aber die Dimension von Welten, Charakteren und Zeit ernst nehmen, entsteht Literatur, die nicht nur verkauft, sondern auch nachhaltige Wirkung entfaltet. Tolkien hat gezeigt, dass gute Fantasy ein Gedanke, eine Geschichte und ein Universum zugleich ist – und dass Geduld und Sorgfalt im Erzählen eine eigene, unkonventionelle Kraft besitzen.

    In meinen eigenen Büchern der Fantasy-Reihe „Der Untergang Ijarias“ habe ich versucht, mich daran zu orientieren: Die Welt ist lebendig, die Figuren entwickeln sich mit der Handlung, und die Lesenden werden eingeladen, sich in den Geschichten wiederzufinden. Wer Lust hat, selbst in diese Welt einzutauchen, kann hier mehr erfahren.

  • Warum Fantasy mehr ist als Eskapismus

    Warum Fantasy mehr ist als Eskapismus

    Ein Essay über Fantasy, Eskapismus und Erfahrung

    Es ist kein neuer Vorwurf: Dass Fantasy eskapistisch und damit trivial, verharmlosend, konservativ oder sogar reaktionär sei, begleitet das Genre seit seinem Aufkommen und das sicher nicht ganz zu Unrecht. Die häufige Fokussierung auf den Kampf Gut gegen Böse, das Heranwachsen von Helden, Leiden, das am Ende belohnt wird, die Vermittlung von Sinn, die Verharmlosung von Gewalt – all das sind klassische Metathemen der Fantasy. Trotzdem wurde auch schon immer etwas zur Verteidigung des Genres angebracht, wie etwa vom Genrevater Tolkien in seinem Essay „On Fairy Stories“: „Warum sollte man einen Mann verachten, der sich im Gefängnis befindet und versucht, herauszukommen und nach Hause zu gehen? Oder wenn er, wenn er das nicht kann, an andere Themen als Gefängniswärter und Gefängnismauern denkt und darüber spricht? Die Welt da draußen ist nicht weniger real geworden, nur weil der Gefangene sie nicht sehen kann. Indem sie [Die Kritiker der Weltflucht, Avm] Flucht auf diese Weise verwenden, haben die Kritiker das falsche Wort gewählt, und darüber hinaus verwechseln sie, nicht immer aus aufrichtigem Irrtum, die Flucht des Gefangenen mit der Flucht des Deserteurs“.

    Warum Fantasy mehr ist als reine Eskapismus-Literatur“

    Damit hat er etwas Zentrales zum Thema Eskapismus angesprochen: Eskapismus ist Weltflucht einerseits, aber sie ist andererseits Weltflucht aus Gründen. Gerechtfertigt scheint sie da, wo sie aus der Auswegslosigkeit geboren ist, nicht aus einer Preisgabe der Wirklichkeit. Und damit ist eben auch schon etwas anderes Wichtiges angesprochen: die Rückkehr in die Wirklichkeit und, wenn ich das hier mal ergänzen darf, die veränderte Rückkehr. Wir sind mithilfe eines Fantasy-Romans in eine fremde Welt geflohen, aber wir kehren zurück, besser befähigt als zuvor, uns mit den Bedingungen der Wirklichkeit auseinanderzusetzen.

    Die Heldenreise und die Fantasyliteratur

    Damit wird das Lesen eskapistischer Literatur aber selbst in der Gestalt der Heldenreise gedacht: Wir selbst sind der Held, der die Türschwelle ins Abenteuer überschreitet, und kehren am Ende von unserem Abenteuer zurück, ausgestattet mit dem „Elixier“, wie es bei Joseph Campbell in seinem Buch „Der Heros in tausend Gestalten“ und der darin enthaltenen Darstellung der Heldenreise heißt. Aber das stimmt in der Regel so nicht. Die Lösung des Fantasyromans – das Elixier des Helden – taugt in der Regel recht wenig für die wirkliche Welt, sie schaffen den Sprung über die Schwelle nicht, wir können sie nicht wirklich mitnehmen. Sie bleibt als Lösung an den Roman und seine innere Welt gekettet und zieht uns, sofern wir daran festhalten wollen, zurück in die Welt, in der sie taugt: Man lebt lieber in der nicht realen Welt und versagt der Wirklichkeit den Dienst – in diesem Fall wäre es ganz nach Tolkien denn nun doch die „Flucht des Deserteurs“. Und hier ist Eskapismus eben nicht nur das zur eigenen Erleichterung notwendige Herausträumen aus dem Gefängnis, mit der dazugehörigen Rückkehr, sondern es ist die Akzeptanz des Gefängnisses, ohne eine Aussicht, es jemals anders als durch Imagination zu verlassen.

    Leser:innen sind nicht nur Konsument:innen – Erfahrungen in Fantasywelten

    Aktuell produzieren vor allem die großen Verlage Romane überwiegend in diesem Sinn. Sie reagieren damit auf einen Umstand in der wirklichen Welt: Sie scheint unveränderlich, starr, fest – und zugleich angefüllt mit drückenden Problemen, Ängsten, Sorgen in einem überfordernden Ausmaß. Die Leser:innen wollen fliehen, nicht um zurückzukehren, sondern um in Welten zu fliehen, in denen Konflikte überschaubar sind, in denen es zudem eine Lösung gibt, in der es reicht, besagtes „Elixier“ der Heldenreise zu erlangen, oder in denen es wesentlich um das Zustandekommen oder das Vergehen romantischer Beziehungen geht. Fantasy mit all seinen Subgenres wird hier zum Mittel, reale Konflikte, die bedrohliche Wirklichkeit, zu verdecken. Das nimmt subjektiv die Last der Welt weg, hilft aber nicht, sich mit den Erfordernissen der Welt zu konfrontieren, um vielleicht doch etwas ändern zu können. Die Leser:innen werden nicht in ihrer Fähigkeit zur Aktivität angesprochen, sondern zur Passivität verleitet. Dies hat einen ganz einfachen Grund: Sie werden als Konsument:innen gesehen, nicht als Produzent:innen. Sie sollen ja vor allem eins: Bücher kaufen. Und nachdem sie eins gelesen haben, am besten direkt das nächste und das übernächste. Das festigt einen Umstand, der ohnehin schon ist: Die Menschen werden zu Konsument:innen fremden, nicht zu Produzent:innen des eigenen Lebens.

    Moderne Fantasy und die Balance zwischen Realität und Flucht

    Damit Fantasyliteratur die Leser:innen mit etwas anderem ausstattet als mit dem Wunsch nach mehr vom Gleichen, dem Wunsch, in die Fantasywelten zurückzukehren, muss sie etwas anderes leisten, als sie es häufig tut. Sie muss eine Erfahrung bieten und damit etwas leisten, was Kultur heute insgesamt nur selten leistet: Der Roman darf erst nach der Zutat der Lesenden zu einem Kosmos werden. Der Autor schafft eine Welt, aber er schafft sie eben doch nicht vollständig; Konflikte werden gelöst, aber eben nicht vollständig, das Böse wird besiegt, aber eben nicht als vollständiges Böses oder eben nicht als abschließender Sieg. Das, was offen bleibt, muss durch die Lesenden erst geschlossen werden. Wenn Fantasy das liefert, dann sind die Leser:innen nicht einfach nur Konsument:innen, sondern sie werden zu Produzent:innen. Sie vervollständigen eine unvollständige Geschichte durch ihre Zutat, und gerade diese eigene Zutat bildet die Basis für die gemachte Erfahrung. Wir sind beim Lesen involviert, erfahren uns und erleben eben nicht nur die Gefühle, welche der Roman in uns stimulieren soll. In so einem Fall verfolgen wir nicht nur die Reifung eines Charakters, sondern wir reifen selbst ein Stück, und dann kehren wir tatsächlich verändert aus den Welten zurück, in die wir uns hineingeflüchtet haben.

    Die Welt von ‚Der Untergang Ijarias‘ erleben


    In meinen eigenen Büchern der Fantasy-Reihe „Der Untergang Ijarias“ habe ich versucht, genau diese Erfahrung zu ermöglichen: Die Welt ist lebendig, die Figuren entwickeln sich mit der Handlung, und die Lesenden werden eingeladen, sich in den Geschichten wiederzufinden. Wer Lust hat, selbst in diese Welt einzutauchen, kann hier mehr erfahren.