3 Dinge, die Fantasy von Tolkien lernen kann

Ein Stapel beschriebener Papiere

Es hat sich bis heute nichts geändert: Fantasy-Leser:innen und Autor:innen kommen an J. R. R. Tolkien kaum vorbei, zumindest dann nicht, wenn man sich ernsthaft für das Genre Fantasy interessiert. Auch Jahrzehnte nach der Veröffentlichung von Der Hobbit und Der Herr der Ringe und dem später durch seinen Sohn Christopher Tolkien herausgegebenen Werke wie Das Silmarillion fasziniert seine Arbeit noch durch die Tiefe von Welt, Figuren und Erzählkunst. Tolkien hat nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern eine ganze Kultur und Mythologie erschaffen, die bis heute Standards für Fantasy setzt.

Moderne Fantasy-Bücher greifen oft – und vielleicht manchmal auch ganz unbeabsichtigt – auf Tolkiens Werk zurück. In gewisser Weise könnte man sagen: Fast alle Fantasy spielt auf die ein oder andere Weise implizit in Mittelerde. Zugleich lässt sich aber auch etwas anderes feststellen: Wesentliche Aspekte, die dazu beitrugen, dass Tolkien ein solch epochales Werk verfassen konnte, werden gerade nicht berücksichtigt. Vielmehr wird sich hier den Anforderungen des Buchmarktes unterworfen, welcher sich an populären Tropes und Fashions orientiert. Geschrieben wird, was sich verkauft, und verkaufen lässt sich, was unmittelbar unterhält, am besten schon, bevor man das Buch überhaupt aufgeschlagen hat – durch Umschlagsgestaltung und Farbschnitt.

Mehr über Eskapismus in der Fantasy habe ich hier in meinem Essay erläutert.

Das ist aber nicht nur Gewinn, sondern auch Verlust: Fantasy-Literatur verwandelt sich in Fast-Fashion, die es nicht mehr schafft, die Tiefe zu erreichen, wie sie etwa bei Tolkien zu finden ist: Für ihn war Fantasy jedenfalls immer mehr als Unterhaltung. Ein guter Grund also, sich einmal ein paar Aspekte anzuschauen, die sich vom Altmeister der Fantasy lernen lassen.

1. Eine lebendige Welt erschaffen

Bei Tolkien sehen wir, dass eine überzeugende Fantasy nicht nur aus Tropes, spannender Handlung und Konflikten besteht, sondern vor allem aus einem Ort, der eigenständig lebt. Mittelerde ist nicht bloß Kulisse; es ist ein komplexes System aus Geschichte, Sprache, Geographie und Mythologie. Jede Region hat ihre eigenen Sitten, ihre Erzählungen, ihre ökonomischen und sozialen Strukturen. Diese Detailtreue führt dazu, dass die Welt organisch wirkt, oder vielmehr: dass sie es vielleicht sogar ist.

Moderne Fantasy greift oft zu oberflächlichen Exotismen: fremde Namen, besondere Rassen, exotische Landschaften. Doch ohne kohärente innere Logik bleiben sie Kulissen, die leicht austauschbar sind. Sie beziehen ihre Substanz nicht selten daher, dass jemand anderes die Vertiefung der Welt schon vorgenommen hat. Man lässt Elben, Orks, Zwerge und Trolle auftreten (manchmal mit anderen Namen oder in abgewandelter Form, die aber auch nur deswegen funktioniert, weil sie sich vom Original abgrenzen), und der/die Leser:innen geben sich damit zufrieden, weil sie von sich aus das dazugeben, was dem Text fehlt. Das lässt die Welten blutleer erscheinen, und sie werden vergessen, kaum, dass man das nächste Buch angefangen hat.

An Tolkiens Werk sehen wir, dass Tiefe Zeit, Geduld und ein Bewusstsein für die kulturellen Kräfte erfordert, die eine Welt formen. Die Leser:innen treten so nicht nur in eine andere Landschaft ein, sondern in ein eigenständiges gesellschaftliches und historisches Gefüge, das atmet und Konflikte auf natürliche Weise erzeugt. Das Besondere bei ihm ist zudem, dass er Mittelerde unter anderem deswegen erfand, um einer von ihm erfundenen Sprache ein Fundament zu geben: „Das Erfinden von Sprachen ist das Fundament. Die ‚Geschichten‘ wurden eher so angelegt, dass sie eine Welt für die Sprachen abgaben, als umgekehrt.“ Was wir daraus ziehen können: Wer eine Welt will, in die man abtauchen kann, in der man das Gefühl hat, dass es weitergeht, egal in welche Richtung man sich wendet, der muss diese Welt entwerfen, und zwar in einem Umfang, der größer ist als das, was den Helden des Romans gerade so vor die Füße fällt.


2. Figuren, die sich entwickeln

Ein zweiter Aspekt, den Tolkien meisterhaft beherrscht, ist die Figurenentwicklung. Charaktere wie Frodo, Aragorn oder Sam sind nicht bloß Helden nach Archetypen, sondern Menschen in Wechselwirkung mit ihrer Umwelt und Geschichte. Sie werden durch ihre Erfahrungen transformiert, und zwar auf eine Weise, die ihnen selbst nicht schon vor Augen steht, wenn sie beginnen, sich auf ihre Reise zu machen. Besonders deutlich wird dies bei einer Figur wie Frodo: Frodo ist ein gewöhnlicher Hobbit. Er hat Freude an schlichten Dingen, lebt ein einfaches Leben. Und er will dieses Leben auch so weiterleben. Seine Reise tritt er unfreiwillig an, und er muss erst wachsen, bis er sich zum Letzten entscheidet. Zudem würde er scheitern, wenn er nicht seinen treuen Begleiter Sam hätte. Am Ende schafft er es, seinen Auftrag zu erfüllen, aber er ist gezeichnet – die Rückkehr in sein altes Leben ist ihm versperrt, auch wenn er sich danach sehnt. Das ist eine Geschichte, bei der wir nicht nur begeistert zuschauen, um zu erfahren, welche Großtat als Nächstes vollbracht wird. Wir nehmen an Frodos Leben Anteil, wir sehen, wie er wächst und kämpft, sehen, was es ihm abverlangt.

Moderne Fantasy neigt dazu, Figuren nach klaren Erfolgs- oder Beliebtheitsmetriken zu formen, die sich in den sogenannten Tropes ausdrücken. Ja, auch Frodo und Co. lassen sich in Kategorien wie „the chosen one“, „reluctant hero“ und so weiter bringen. Aber sie sind nicht einfach nach einem solchen Trope angelegt, sondern sie entwickeln sich, und zwar dadurch, wie sie auf ihre Umwelt treffen und reagieren. Diese geduldige, innere Entwicklung erlaubt es Leser:innen, tiefere Einsichten in Motive, Verantwortung und moralische Dilemmata zu gewinnen.


3. Geduld beim Erzählen

Vielleicht der wichtigste, aber oft unterschätzte Aspekt ist Tolkiens Geduld beim Erzählen. Die narrative Struktur von Der Herr der Ringe ist weitläufig, durchzogen von Nebenhandlungen, detaillierten Landschaftsbeschreibungen und kulturellen Einblicken. In einer Zeit, in der Geschwindigkeit und sofortige Befriedigung den Literaturmarkt dominieren, erscheint Tolkiens Ansatz schon fast veraltet, denn: Spannung wird nicht durch ständige Action erzeugt, sondern durch Erwartung, Aufbau und die sorgfältige Entfaltung der Welt. Und gerade das macht, bei allen fantastischen Elementen, den Rückbezug zur realen Welt aus: Geschichte, Handlung und Konflikt benötigen Zeit, um Bedeutung zu entfalten. Die Dinge passieren nicht einfach so, sondern sie haben einen Grund, einen Rahmen, einen Kontext.

Für den Roman gilt: Je epischer sich ein Konflikt am Ende ausgestalten soll, desto umfangreicher muss sein Kontext sein. Denn gerade dadurch erkennen wir, was alles auf dem Spiel steht. Wir machen eine Erfahrung daran, welche Dimension Konflikte haben, nicht nur in der Romanwelt, sondern überhaupt. Demgegenüber sind uns Sachen, die wir nicht kennen, in der Regel egal. Wir kennen Sachen nicht, über die wir nichts wissen, und wenn Romane uns keine oder nur nebensächliche Informationen darüber geben, was das für eine Welt ist, in der die Handlung sich abspielt, dann wird uns das auch immer gleichgültig sein, was mit dieser Welt passiert.


Fazit / Übertragung auf moderne Fantasy

Die Lektionen Tolkiens sind klar: Eine glaubwürdige Welt, sich entwickelnde Figuren und erzählerische Geduld machen Fantasy zu mehr als bloßer Unterhaltung. Sie verwandeln sie in eine Kunstform, die Leser:innen in eine andere Realität eintauchen lässt, während sie gleichzeitig Reflexion über unsere eigene Welt anregt.

Moderne Fantasy, die sich auf Trends und schnelle Befriedigung verlässt, kann dies nicht leisten. Indem Autor:innen und Leser:innen aber die Dimension von Welten, Charakteren und Zeit ernst nehmen, entsteht Literatur, die nicht nur verkauft, sondern auch nachhaltige Wirkung entfaltet. Tolkien hat gezeigt, dass gute Fantasy ein Gedanke, eine Geschichte und ein Universum zugleich ist – und dass Geduld und Sorgfalt im Erzählen eine eigene, unkonventionelle Kraft besitzen.

In meinen eigenen Büchern der Fantasy-Reihe „Der Untergang Ijarias“ habe ich versucht, mich daran zu orientieren: Die Welt ist lebendig, die Figuren entwickeln sich mit der Handlung, und die Lesenden werden eingeladen, sich in den Geschichten wiederzufinden. Wer Lust hat, selbst in diese Welt einzutauchen, kann hier mehr erfahren.

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