Essay
Es ist kein neuer Vorwurf: Dass Fantasy eskapistisch und damit trivial, verharmlosend, konservativ oder sogar reaktionär sei, begleitet das Genre seit seinem Aufkommen und das sicher nicht ganz zu Unrecht. Die häufige Fokussierung auf den Kampf Gut gegen Böse, das Heranwachsen von Helden, Leiden, das am Ende belohnt wird, die Vermittlung von Sinn, die Verharmlosung von Gewalt – all das sind klassische Metathemen der Fantasy. Trotzdem wurde auch schon immer etwas zur Verteidigung des Genres angebracht, wie etwa vom Genrevater Tolkien in seinem Essay „On Fairy Stories“: „Warum sollte man einen Mann verachten, der sich im Gefängnis befindet und versucht, herauszukommen und nach Hause zu gehen? Oder wenn er, wenn er das nicht kann, an andere Themen als Gefängniswärter und Gefängnismauern denkt und darüber spricht? Die Welt da draußen ist nicht weniger real geworden, nur weil der Gefangene sie nicht sehen kann. Indem sie [Die Kritiker der Weltflucht, Avm] Flucht auf diese Weise verwenden, haben die Kritiker das falsche Wort gewählt, und darüber hinaus verwechseln sie, nicht immer aus aufrichtigem Irrtum, die Flucht des Gefangenen mit der Flucht des Deserteurs“.
Damit hat er etwas Zentrales zum Thema Eskapismus angesprochen: Eskapismus ist Weltflucht einerseits, aber sie ist andererseits Weltflucht aus Gründen. Gerechtfertigt scheint sie da, wo sie aus der Auswegslosigkeit geboren ist, nicht aus einer Preisgabe der Wirklichkeit. Und damit ist eben auch schon etwas anderes Wichtiges angesprochen: die Rückkehr in die Wirklichkeit und, wenn ich das hier mal ergänzen darf, die veränderte Rückkehr. Wir sind mithilfe eines Fantasy-Romans in eine fremde Welt geflohen, aber wir kehren zurück, besser befähigt als zuvor, uns mit den Bedingungen der Wirklichkeit auseinanderzusetzen.
Damit wird das Lesen eskapistischer Literatur aber selbst in der Gestalt der Heldenreise gedacht: Wir selbst sind der Held, der die Türschwelle ins Abenteuer überschreitet, und kehren am Ende von unserem Abenteuer zurück, ausgestattet mit dem „Elixier“, wie es bei Joseph Campbell in seiner Darstellung der Heldenreise heißt. Aber das stimmt in der Regel so nicht. Die Lösung des Fantasyromans – das Elixier des Helden – taugt in der Regel recht wenig für die wirkliche Welt, sie schaffen den Sprung über die Schwelle nicht, wir können sie nicht wirklich mitnehmen. Sie bleibt als Lösung an den Roman und seine innere Welt gekettet und zieht uns, sofern wir daran festhalten wollen, zurück in die Welt, in der sie taugt: Man lebt lieber in der nicht realen Welt und versagt der Wirklichkeit den Dienst – in diesem Fall wäre es ganz nach Tolkien denn nun doch die „Flucht des Deserteurs“. Und hier ist Eskapismus eben nicht nur das zur eigenen Erleichterung notwendige Herausträumen aus dem Gefängnis, mit der dazugehörigen Rückkehr, sondern es ist die Akzeptanz des Gefängnisses, ohne eine Aussicht, es jemals anders als durch Imagination zu verlassen.
Aktuell produzieren vor allem die großen Verlage Romane überwiegend in diesem Sinn. Sie reagieren damit auf einen Umstand in der wirklichen Welt: Sie scheint unveränderlich, starr, fest – und zugleich angefüllt mit drückenden Problemen, Ängsten, Sorgen in einem überfordernden Ausmaß. Die Leser:innen wollen fliehen, nicht um zurückzukehren, sondern um in Welten zu fliehen, in denen Konflikte überschaubar sind, in denen es zudem eine Lösung gibt, in der es reicht, besagtes „Elixier“ der Heldenreise zu erlangen, oder in denen es wesentlich um das Zustandekommen oder das Vergehen romantischer Beziehungen geht. Fantasy mit all seinen Subgenres wird hier zum Mittel, reale Konflikte, die bedrohliche Wirklichkeit, zu verdecken. Das nimmt subjektiv die Last der Welt weg, hilft aber nicht, sich mit den Erfordernissen der Welt zu konfrontieren, um vielleicht doch etwas ändern zu können. Die Leser:innen werden nicht in ihrer Fähigkeit zur Aktivität angesprochen, sondern zur Passivität verleitet. Dies hat einen ganz einfachen Grund: Sie werden als Konsument:innen gesehen, nicht als Produzent:innen. Sie sollen ja vor allem eins: Bücher kaufen. Und nachdem sie eins gelesen haben, am besten direkt das nächste und das übernächste. Das festigt einen Umstand, der ohnehin schon ist: Die Menschen werden zu Konsument:innen fremden, nicht zu Produzent:innen des eigenen Lebens.
Damit Fantasyliteratur die Leser:innen mit etwas anderem ausstattet als mit dem Wunsch nach mehr vom Gleichen, dem Wunsch, in die Fantasywelten zurückzukehren, muss sie etwas anderes leisten, als sie es häufig tut. Sie muss eine Erfahrung bieten und damit etwas leisten, was Kultur heute insgesamt nur selten leistet: Der Roman darf erst nach der Zutat der Lesenden zu einem Kosmos werden. Der Autor schafft eine Welt, aber er schafft sie eben doch nicht vollständig; Konflikte werden gelöst, aber eben nicht vollständig, das Böse wird besiegt, aber eben nicht als vollständiges Böses oder eben nicht als abschließender Sieg. Das, was offen bleibt, muss durch die Lesenden erst geschlossen werden. Wenn Fantasy das liefert, dann sind die Leser:innen nicht einfach nur Konsument:innen, sondern sie werden zu Produzent:innen. Sie vervollständigen eine unvollständige Geschichte durch ihre Zutat, und gerade diese eigene Zutat bildet die Basis für die gemachte Erfahrung. Wir sind beim Lesen involviert, erfahren uns und erleben eben nicht nur die Gefühle, welche der Roman in uns stimulieren soll. In so einem Fall verfolgen wir nicht nur die Reifung eines Charakters, sondern wir reifen selbst ein Stück, und dann kehren wir tatsächlich verändert aus den Welten zurück, in die wir uns hineingeflüchtet haben.

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